Wenn eine Debatte erstmal hinreichend emotional aufgeladen ist, dann darf man bitteschön kein von Weisheit durchtränktes Resultat erwarten. Derart aufgeladen ist ohne Zweifel die Diskussion um Telemedizin. Da trifft es sich ergänzend, dass die Diskutanten die Terminologie beherzt inkongruent besetzen.

Vorab möchte ich mal zwei Punkte festhalten:

  • nicht alle, die mal anderer Meinung sind, müssen sogleich blöde oder böse sein
  • der persönliche Kontakt zwischen Arzt und Patient wird heute und morgen noch nicht vollständig abgeschafft

Alles darüber hinaus ist derzeit Dissens in Deutschland. Und weil das Thema eine der großen Kontroversen der nächsten Jahre zu werden verspricht, haben wir in der diesjährigen Studie “Ärzte im Zukunftsmarkt Gesundheit” die Mediziner nach ihrer Einschätzung gefragt.

Das Bild ist klar konturiert. So erwarten über 40 Prozent der Ärzte, dass früher oder später ganz offen Therapieberatung über Callcenter angeboten werden wird. 69 Prozent vermuten gar, dass in diesem Bereich bereits viel mehr gemacht wird, als die Betreiber öffentlich zugeben.

Wie besorgt Ärzte wegen dieser Entwicklungen sind, zeigt sich daran, dass fast 81 Prozent der Meinung sind, dass Therapieberatung über Telefon auch künftig in Deutschland verboten bleiben muss. Gerade mal 28 Prozent sind der Meinung, dass niedergelassene Ärzte mit dieser Entwicklung nichts zu tun haben.

Die Dissonanz zwischen diesen Werten – 81 Prozent wollen‘s verbieten lassen, 69 Prozent vermuten, dass es schon getan wird – zeigt, dass sich Ärzte bei dieser Entwicklung übergangen fühlen und dem entsprechend ablehnend entgegensehen.

Die Debatte ist schon jetzt sehr aufgeladen, und „Call-Center-Medizin“ längst zum Kampfbegriff verkommen. Dabei ist die Möglichkeit, telefonisch Gesundheitsinformationen einzuholen, ja zunächst einmal nicht pauschal zu verurteilen. Gerade für das Problem der Unterversorgung könnte hier ein Lösungsansatz stecken. Manche Nachbarländer wie etwa die Schweiz arbeiten bereits mit Telemedizin-Lösungen – vielleicht lohnt es sich, den Blick einmal unvoreingenommen dorthin zu wenden und aus den Erfahrungen zu lernen.



Dr. Peter MüllerDieser Artikel wurde verfasst von Dr. Peter Müller
Dr. Peter Müller ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung Gesundheit. Als Medizinjournalist mit mehr als 25 Jahren Berufserfahrung kennt er die Untiefen des Gesundheitswesens genau und fühlt sich den Zielen der Stiftung Gesundheit umso mehr verpflichtet: Mit allgemein verständlichen Informationen den Zugang zu guter medizinischer Versorgung zu verbessern.
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Kommentare

Für diesen Beitrag gibt es 2 Kommentare.

  1. Kommentar von Bob am 28. Oktober 2010

    Es wird mit großer Wahrscheinlichkeit genauo kommen wie mit den Online Apotheken. Am Anfang wird es von den Fachärzten als unerwünschte Konkurrenz angesehen. Aber die Vorteile sind einfach zu groß.
    Allein schon die Kosten sind wesentlich geringer als bei einem Arzt in seiner Praxis. (Praxisgebühr lässt grüßen)
    Dazu kommt die zeitliche Unabhängigkeit:
    keine Öffnungszeiten, sondern immer und von überall aus zu erreichen. Auch hier halte ich einen Siegeszug für gewiss.

  2. Kommentar von Stephan Berghoff am 25. Februar 2011

    Einige Systeme im Bereich der Telemedizin unterstützen den Arzt in seiner Arbeit in vielfacher Weise und ersetzen ihn nicht nur. Beispielsweise kann im Diabetes-Bereich der Arzt über eine Online-Datenbank direkt die Daten (Blutzucker, Medikation, Ernährungsgewohnheiten, Lebensweise) eines Patienten einsehen und auf den Verlauf der Werte reagieren ohne dass der Patienten in seiner Praxis zugegen ist. Sogar eine Alarmierung bei Über- oder Unterzuckerung ist möglich. Die Einsicht der Patientendaten kann natürlich nur der Patient auf Basis seines Vertrauens erlauben. Patient und Arzt müssen ein Vertrauensverhältnis haben und dieses lässt sich am Besten durch Praxisbesuche aufbauen.

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