Thorsten Schmidt trainiert mit einer Krebspatientin

Dr. Thorsten Schmidt überwacht eine Patientin beim Training: Die Kommunikation mit den Krebspatienten ist besonders wichtig, damit die sportliche Belastung mit der Krankheit vereinbar bleibt. © UKSH

 

Vom Krankenbett in die Turnhalle? Die meisten Menschen würden Krebspatienten instinktiv eher zu Ruhe raten – schließlich ist eine Chemotherapie psychisch und physisch äußerst kräftezehrend. Tatsächlich blieb die Bedeutung der körperlichen Aktivität für Tumorpatienten auch in Fachkreisen lange unerkannt. Der Sportwissenschaftler Dr. Thorsten Schmidt setzt sich dafür ein, dass das nicht so bleibt: Als Leiter der Arbeitsgruppe „Onkologische Supportivangebote Sport und Bewegungstherapie“ am Onkologischen Zentrum des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel steht er jeden Tag mit Krebspatienten in der Turnhalle. Was als Kleingruppe begann, ist heute eine eigene Abteilung, in der drei Sportwissenschaftler mehr als 200 Patienten und Teilnehmer in der Woche betreuen.

„Die aktuelle Studienlage zeigt nicht nur die positiven Einflüsse von Sport und körperlicher Aktivität, sondern auch, dass zum Beispiel aktive Frauen ein geringeres Risiko haben, Brustkrebs zu bekommen“, sagt Schmidt. Im Umkehrschluss heißt das: Übergewicht kann das Risiko für verschiedene Krebserkrankungen sogar erhöhen. Denn eine Veränderung des Fett- und Zuckerstoffwechsels, des Immunsystems sowie der Wirkungsweisen von verschiedenen Hormonen wie Insulin sind als mögliche Krebsursachen im Gespräch. Ein vermehrter Energieverbrauch durch körperliche Aktivität führe dagegen zur Gewichtsreduktion und damit zu einer positiven Umstellung im Stoffwechsel. Dafür scheint nicht allein der Gewichtsverlust verantwortlich zu sein: „Es konnte gezeigt werden, dass die körperliche Aktivität selbst einen direkten Einfluss auf die Erkrankung hat, wobei die Effekte mit der Dauer der Jahre, während derer das Sportprogramm durchgeführt wird, ansteigt“, erklärt Schmidt, der auf eine Mischung aus Bewegungs-, Fitness- und Krafttraining setzt.

 

„Auch Metastasen bedeuten nicht, dass man nichts mehr machen darf“

Die Vorteile von Bewegung begründet er allerdings nicht allein medizinisch: „Man kann positive Auswirkungen auf drei Ebenen beobachten: Neben der physischen ist auch die psychische Ebene relevant: Man fühlt sich einfach besser, wenn man sich bewegt hat. Hat ein besseres Selbstwertgefühl und spürt mehr Lebensqualität. Und dann ist da noch die soziale Ebene: Unser Sportangebot ist für Gruppen bestimmt. Man tauscht sich aus; über Nebenwirkungen, Sorgen und die Zukunft. Und zwar in einem Kreis, der einen vielleicht sogar noch besser versteht als die eigene Familie.“

Das Bewegungsangebot am UKSH kommt übrigens nicht nur Patienten zugute, die sich in der Rehabilitation befinden: „Man darf sich in jeder Therapiephase bewegen – auch in der Palliativphase. Mittlerweile ist gesichert: Die Nebenwirkungen einer Bewegungstherapie sind bedeutend geringer als die Nebenwirkungen von Inaktivität. Auch Metastasen bedeuten nicht, dass man nichts mehr machen darf.“

Viele Patienten würden im Laufe ihrer Erkrankung dennoch in einen Teufelskreis der Inaktivität geraten. „Studien belegen, dass nur ein Teil der Krebspatienten das empfohlene Ausmaß an körperlicher Aktivität erreicht. Patienten sind nach der erforderlichen Therapie in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt und körperliche Belastung stellt, verglichen mit dem Zeitraum vor der Erkrankung, eine größere körperliche Anstrengung dar.“ Ausreichend Bewegung während der Therapie kann also auch merklichen Einfluss auf die Zeit nach der Erkrankung nehmen.

Training auf dem Gymnastikball

Gemeinschaft macht stark: Sport ist für die Patienten am UKSH immer eine Gruppenerfahrung. © UKSH

 

„Kein Trainingsplan ist in Stein gemeißelt“

Voraussetzung sei allerdings ein genau auf jede Person abgestimmter Trainingsplan, der sich am Krankheitsbild und der individuellen Leistungsfähigkeit orientiert. Jeden Menschen, den Schmidt trainiert, muss er daher genau kennen: Ein Beratungsgespräch vor Aufnahme der Bewegungstherapie ist Pflicht. Doch auch im Trainingsprozess verbringt er viel Zeit im Gespräch, denn die Trainingsintensität ist von den individuellen Problemen und der Therapiephase des Patienten abhängig. „Im Rahmen aller Sportaktivitäten müssen die Trainingsintensitäten während der Chemotherapie täglich neu definiert werden. Kein Trainingsplan ist in Stein gemeißelt“, meint Schmidt. Ein leichtes bis moderates Ausdauertraining sei meist aber sehr gut durchführbar. Die Belastung bewegt sich dabei immer im aeroben Bereich. Das bedeutet, dass der Patient oder Teilnehmer die Aktivität zwar als anstrengend empfindet, sich aber beispielsweise noch mit seinem Laufpartner unterhalten kann.

Und das, betont Schmidt, sei mindestens genauso wichtig wie die Bewegung selbst.



Jonas RohdeDieser Artikel wurde verfasst von Jonas Rohde
Jonas Rohde ist Pressereferent bei der Stiftung Gesundheit. Der ausgebildete Redakteur betreut die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stiftung und ist Ansprechpartner für Journalisten.
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Kommentare

Für diesen Beitrag gibt es 2 Kommentare.

  1. Kommentar von Eileen Reschawski am 13. Februar 2016

    Ein wichtiges Thema.
    Es darf nicht vergessen werden, dass gerade das Fatigue-Syndrom,
    das chronische Erschöpfungs-Syndrom, welches bei der Mehrzahl der Patienten im Verlauf einer Chemo- bzw- Strahlentherapie auftritt, von Betroffenen als das die Lebensqualität einschränkendste Symptom wahrgenommen wird.
    Fatigue bedeutet für Betroffene eine enorme Belastung,
    da Energiereserven nicht mobilisiert werden können und der Alltag nicht selbstbestimmt bewältigt werden kann. Zuvor selbstverständliche durchgeführte Tätigkeiten, wie zum Beispiel staubsaugen, einkaufen gehen oder Haare waschen, werden zur Kraftprobe.
    Doch, gerade sind in jüngster Zeit die positiven Effekte gerade von moderater Bewegung, abgestimmten Trainingsplänen, wie im Artikel beschrieben, bekannt geworden:
    Sport kräftigt den Körper und kann die bei der Krebs- Fatigue verspürte Kraftlosigkeit etwas abmildern.

  2. Kommentar von Martin S am 25. Februar 2016

    Wenn es so einfach wäre, dann dürfte ein Sportler nie an Krebs erkranken. Das ist auch keine wirkliche Hilfestellung. Das ist wie einem verdurstenden zu sagen, er müsse einfach nur mehr Trinken…Die Ursachen von Krebs müssen einfach besser erforscht werden.

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